Man sagt, irgendwo zwischen Mythos und Wirklichkeit, in der salzigen Stille des Ozeans, wurde ein Schmuckstück geboren, das die Menschen in seinen Bann zog. Seine Schönheit wirkte überirdisch: Es wurde gejagt, gestohlen, umkämpft, doch getragen nur von denen, die die Geschichte auserwählt hatte – Göttinnen, Königinnen, Monarchen. Alle waren von diesem sanften, milchigen Schimmer verzaubert. Perlen haben schon immer die Aura von etwas Unerreichbarem getragen, etwas, das jenseits von Mode und Zeit existiert. Und egal, wer du bist, diese Geschichte berührt auch dich.
Niemand kennt den genauen Moment, in dem der Mensch zum ersten Mal eine Perle entdeckte, doch das ist kaum wichtig. Wesentlich ist, dass es lange her geschah, in einer Tiefe, in der Legenden Gestalt annehmen. Antike Zivilisationen fanden ihre eigenen Erklärungen für diesen mysteriösen Schatz. In China glaubte man, Perlen würden von Drachen bewacht; in Griechenland galten sie als Freudentränen der Aphrodite. Manche stellten sie sich als Stücke des Mondes, gefrorene Tautropfen oder sogar in Stein verwandelte Blitze vor. Während sich Mythen häuften, tat die Natur einfach ihr Werk: Ein winziges Sandkorn fand seinen Weg ins Innere einer Muschel und wurde über Jahre von Schichten aus Perlmutt umhüllt. Manchmal dauerte es fünf Jahre oder länger, bevor eine einzelne Perle geboren war. Kein Wunder also, dass die Menschen der Antike sie als Wunder betrachteten – und das Tauchen nach einer Perle fast einem heroischen Akt glich. Perlentaucher riskierten ihr Leben in gefährlichen Tiefen, nur für eine einzige Chance auf Entdeckung. Bevor es Perlenfarmen gab, war jeder Fund ein echter Schatz. So entstanden Seltenheit und Wert, und Wert wurde zum Statussymbol. Julius Cäsar erließ sogar ein Gesetz: Die herrschende Klasse musste Perlen tragen. Und so wurde der Schatz nicht nur Schmuck, sondern ein Zeichen von Privilegien.
Von da an verankerten sich Perlen fest in der Sprache der Macht. Königinnen wollten, dass die Geschichte durch sie spricht. Isabella von Portugal, Maria de’ Medici, Elisabeth I., Anna von Österreich – jede trug Porträts, in denen Perlen die unausgesprochene Botschaft waren.
Doch unter all diesen Porträts sticht eines mit einer magnetischen Kraft hervor: Velázquez’ Maria Tudor, die nicht nur einen Schmuckstein, sondern die unangefochtene Königin der Perlenschätze trägt – die legendäre Peregrina, die „Wandernde Perle“. Enorm, tropfenförmig, 56 Karat schwer und heute auf über 11 Millionen Euro geschätzt. Ihre Geschichte liest sich wie ein eigener Mythos. Peregrina wurde von einem afrikanischen Sklaven an den Ufern der Insel Santa Margarita in Panama entdeckt – was ihm seine Freiheit einbrachte. Die Perle gelangte in die Hände der spanischen Kolonialverwaltung und dann an den königlichen Hof. Ihre erste offizielle Besitzerin war Königin Maria Tudor von Frankreich, die sie Spanien vermachte. Über 250 Jahre blieb sie dort. Später trug sie Margaret von Österreich, die Königin von Spanien, zu bedeutenden Staatsereignissen, darunter die Unterzeichnung des Londoner Vertrags 1604, der den Krieg zwischen England und Spanien beendete. Die Perle wurde weit mehr als ein Schmuckstück – sie avancierte zum politischen Emblem, zum materiellen Zeugen von Diplomatie, zum Symbol für Macht, das sich kaum in Worte fassen lässt.
Heute ist es schwer, sich eine Modesuchende ohne mindestens eine Perlenschnur im Schmuckkästchen vorzustellen. Und wenn es um Perlen geht, ist der erste Name, der einem einfällt, Coco Chanel. Sie trug sie, als wären sie eine natürliche Verlängerung ihres Stils: zu Pyjama-Sets, Strickwaren, knackig weißen Blusen – lässig und wunderschön in chaotischen Lagen gestylt.
Es kursierten Gerüchte, ihre Perlen seien Geschenke von Bewunderern – von einem Großfürsten der Romanows bis zum Herzog von Westminster. Andere behaupteten, ihre Perlen seien unecht, denn wenn sie echt gewesen wären, hätte sie nur ein oder zwei Ketten verkaufen und lebenslang komfortabel leben können. Wie dem auch sei: Chanel brachte die Perlen ins Herz der Mode. Sie war die erste Designer, die sie auf den Laufsteg brachte und sogar in den 1920ern ihre eigene Schmucklinie mit Juwelier Devetaux kreierte – demselben Mann, der hinter den ikonischen Malteserkreuz-Manschetten steckt. Für Chanel ging es beim Schmuck nicht um Status; es ging um Schönheit. Das war ihre Revolution.
Kein Wunder, dass bei der Met Gala zu Ehren von Karl Lagerfeld – ihrem ästhetischen Nachfolger – Perlen zu einem der Hauptcodes wurden. Karl mixte sie mit allem und jedem: Denken Sie an seinen barocken 80er-Jahre-Stil oder an Linda Evangelista, die in einem Cascade aus Perlenschnüren drapiert war.
Nach Chanel integrierten zahllose Designer Perlen in ihre Kollektionen. Sie tauchten im New Look von Dior auf, in den filigranen Silhouetten von Balmain, in den sorgfältigen Konstruktionen von Balenciaga. Meist dienten sie eher als Akzente denn als strukturelle Elemente, doch sie veränderten dennoch die gesamte Stimmung eines Looks. Selbst Moderebellen brauchten diesen einst aristokratischen Schatz. Vivienne Westwood verwandelte ihre Perlenhalskette in ein Kultobjekt des Punk, während Franco Moschino mit seiner „Peace and Pearls“-Jacke kokett mit Glamour spielte.
Im 21. Jahrhundert lösten sich Perlen endgültig vom Klischee der „Schmuckschatulle der Großmutter“. Sie wurden zum Symbol stilistischer Freiheit, zu einem universellen Code zwischen Femininität, Romantik, Avantgarde – und fanden mühelos Eingang in die Garderobe der Männer.
In Moschinos Frühlingskollektion 2025 spielen Perlen mehrere Rollen auf einmal: eine Hommage an Franco Moschinos Archiv, ein Statement zur Eleganz und ein spielerischer Twist. Sie erscheinen auf Denim-Totallooks, Bustiers, Kleidern und mildern die Schärfe von Smokings ab, verleihen ihnen ein leichteres, fast schwereloses Gefühl.
Perlen sind heute das zentrale Element des ultra-femininen Coquette-Core. Doch Trends kommen und gehen – Perlen bleiben. Im 21. Jahrhundert sind sie ein Symbol für Flexibilität, Wandelbarkeit und zeitlose Schönheit geworden, die über jeden Kontext hinaus lebt.
Ein zeitloser Klassiker, der nie nach Alter oder Status fragt – sondern einfach die Persönlichkeit ein wenig heller strahlen lässt.