Carol Christian Poell wurde 1966 in Linz, Österreich, geboren. Schon in seiner Kindheit beschäftigte er sich mit Handwerkskunst und arbeitete mit Leder. Sein Vater, Großvater und Onkel führten ein Lederwarengeschäft, während sein Stiefvater ein professioneller Schneider war. Von klein auf war Poell verschiedenen Produktionstechniken und Methoden zur Herstellung hochwertiger Kleidungsstücke ausgesetzt und experimentierte mit Leder und anderen Materialien.
Nach dem Schulabschluss begann Poell ein Studium an der Höheren Akademie für Mode und Design in der Nähe seiner Heimatstadt, verließ diese jedoch bald wieder. Anschließend zog er nach Wien, um Kostümschneiderei zu studieren, fand diese Ausbildung jedoch unzureichend – die wesentlichen Grundlagen hatte er bereits in der Werkstatt seiner Familie gelernt. Seine endgültige Entscheidung fiel auf Mailand, wo er einen Masterabschluss in Modedesign erwarb und Sergio Simonio kennenlernte. 1995 gründeten sie gemeinsam die unabhängige Marke Carol Christian Poell.
Seine erste Kollektion, die er „Trilogie“ nannte, bestand aus Basic-Stücken: Hemden, Hosen und T-Shirts. Diese wurde schnell von japanischen Kunden aufgekauft. Die folgende Kollektion Frühling/Sommer 1995–1996 brachte ihm größere Anerkennung für ihre raffinierten Details und den komplexen Materialeinsatz.
Poells Materialien werden zahlreichen Manipulationen unterzogen. Leder und Stoffe werden verbrannt, in Wein, Blut und Silikon getränkt. Er verwendet Pferdehaare, menschliche Haare und Schlangenleder. Das Leder wird oft absichtlich gealtert und bearbeitet, um seine charakteristische Textur zu erzielen. Eine seiner Schlüsseltechniken besteht darin, Stücke in Silikon zu tauchen, wodurch die markanten „Stalaktiten“ entstehen, die an Schuhen, Taschen, Handschuhen und anderen Teilen zu sehen sind. Poell experimentiert ständig mit Texturen und der Konstruktion von Kleidungsstücken.
Eine seiner bekanntesten Inszenierungen fand 2003 bei der SS-2004-Präsentation in Mailand am Naviglio Grande statt. Die Show hatte weder Musik noch offizielle Eröffnung. Zunächst trieben einzelne Kleidungsstücke auf dem Wasser, gefolgt von Models – regungslos, leblos, wirkten wie Leichen oder Schaufensterpuppen. Die Kleidung war größtenteils weiß: Lederjacken, in rote Socken gesteckte Hosen, breite Gürtel, Schneiderklingen als Accessoires und Schuhe ohne Sohlen. Einige Teile erinnerten aufgrund ihrer weißen Farbe und der vielfachen Riemen an Zwangsjacken. Es gab zudem übergroße Gummibänder als Gürtel und andere unkonventionelle Details. Die Präsentation unterstrich Poells radikalen Umgang mit Materialien und Schnitt.
Das zentrale Thema in Poells Arbeiten ist Tod und Verfall. Seine Stücke ähneln der allmählichen Zersetzung von Materie. Die Models bei seinen Shows wirken statisch, distanziert – eher wie Objekte als Menschen.
Die Carol Christian Poell Boutiquen sind eine Welt für sich, verborgen vor zufälligen Blicken. Es gibt keine Schilder, keine offenen Türen und keine Fenster, die einladen. Der Eintritt erfolgt nur nach vorheriger Terminvereinbarung. Ein Kunde muss im Voraus anrufen, in den Kalender eingetragen werden, und erst dann kann er – durch eine unmarkierte Tür, durch Klingeln einer stillen Glocke – eintreten. Drinnen herrscht Ruhe, Halbdunkel, der Duft von Leder und Staub. Kein Überfluss, kein Lärm – nur Kleidungsstücke, die außerhalb der Modesaisons existieren. Nach der Kollektionansicht und eventuell einem Kauf verlässt der Gast das Geschäft, und die Tür wird geschlossen. Es ist kein Laden, sondern ein stilles Ritual des Eintritts in die innere Welt der Marke. Dieses Format spiegelt Poells Philosophie: Privatsphäre, Distanz zur Industrie, Schöpfung für jene, die wirklich verstehen. Weltweit existieren etwa zehn solcher Orte – verborgen, fast mythisch, jeder mit einer Atmosphäre von Stille, Schatten und Handwerkskunst.
Heute ist Carol Christian Poell einer der wenigen Designer, die sich weigern, den Regeln der Branche zu folgen. Er sucht keine Aufmerksamkeit, gibt keine Interviews und erklärt seine Ideen nicht. Alles, was er tut, dreht sich um Material, Form und Stille.