Martine Rose
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Martine Rose: Die Marke als lebendige Subkultur

Martine Rose hat ihre Marke nie als perfekt ausbalanciertes System aufgebaut. Ihre Mode sucht weder Komfort noch Harmonie oder Zustimmung. Sie existiert in einer Spannung – zwischen dem Körper und dem Kleidungsstück, zwischen dem, was als „akzeptabel“ gilt, und wie Menschen im echten Leben tatsächlich aussehen. Genau in diesem Raum des Unbehagens entsteht die DNA der Marke Martine Rose.

Ihre kreative Sprache ist in London verwurzelt, jedoch nicht in der polierten, glänzenden Version. Sie wächst an den Rändern der Stadt – Clubs, Raves, Fußballtribünen, Nachtsbusse, private Räume und flüchtige Begegnungen. Rose beobachtet Männer, die normalerweise von der Mode übersehen werden, und stellt sie in den Mittelpunkt ihrer Kollektionen. Ihre Figuren inszenieren sich nicht; sie existieren einfach. Sie versuchen nicht, stylisch auszusehen, und genau das macht sie so überzeugend.

Die Kollektionen von Martine Rose drehen sich stets um Form, jedoch nie um Korrektheit. Proportionen werden bewusst verschoben, Schultern verlagert, Ärmel länger als erwartet, Hosen sitzen unbeholfen – als wären die Kleidungsstücke nie dafür gedacht gewesen, wirklich zu passen oder hätten bereits ein anderes Leben geführt. Das ist keine Dekonstruktion zum Spektakel, sondern eine Art, über Verletzlichkeit zu sprechen, über das Unbehagen, einen Körper in einer Welt voller Struktur und Definition zu bewohnen. Ihre Herrenmode steht nicht für Macht, sondern für einen Zustand; nicht für Dominanz, sondern für Präsenz.

In den frühen Kollektionen funktionierte die Marke fast wie eine Underground-Geste. Kleine Auflagen, Fokus auf Hemden, Strickwaren und subtile Verzerrungen, die vertraut und zugleich leicht verschoben wirkten. Von Anfang an war klar, dass Rose nicht auf Modetrends reagierte, sondern auf gesellschaftliche Codes. Sie studierte, wie Menschen Kleidung tatsächlich tragen, nicht wie Kleidungsstücke für Editorials gestylt werden.

Mit wachsendem Umfang der Kollektionen wurden die Silhouetten dramatischer, doch die innere Logik der Marke blieb unverändert. Oversizing war bei Martine Rose nie eine Modeerscheinung; stets erschien es als Verzerrung des Körpers, ein Übermaß, das Distanz zwischen Träger und Bild schafft. Sportswear, Uniformen und traditionelle Schneiderei kollidieren zu einer neuen Realität, in der Herrenmode keinen Status mehr markiert, sondern zum Werkzeug der Selbstwahrnehmung wird.

Bestimmte Kollektionen markieren einen entscheidenden Wandel, insbesondere jene, in denen Rose den konventionellen Laufsteg ablehnt und Mode in den Alltag verlegt. Ihre Kleidungsstücke hören auf, zu performen, und beginnen, mit Menschen zu leben – in Wohnungen, Zimmern, geschlossenen und intimen Räumen. In diesen Momenten wird der Fokus der Marke auf Intimität besonders deutlich. Die Kamera idealisiert nicht, das Licht mildert nicht ab, der Körper wird nicht verhüllt.

In ihren jüngeren Kollektionen wächst ein Sinn für Ironie und Freiheit. Martine Rose erlaubt Verspieltheit, manchmal sogar unbeholfenen Humor, ohne dabei je an Ehrlichkeit zu verlieren. Ihre Kleidung kann fremd, unbequem, gelegentlich fast absurd wirken, doch sie ist niemals leer. Jedes Stück trägt Kontext, Erinnerung und die Spuren gelebter Erfahrung.

Heute ist Martine Rose nicht einfach ein Modelabel, sondern eine kulturelle Geste. Es ist der Versuch, Männlichkeit neu zu denken – ohne Heroismus und Masken. Ihre Kollektionen diktieren nicht, wie man aussehen sollte; sie stellen Fragen. Und vielleicht ist das der Grund, warum Martine Rose eine der wenigen Designerinnen ist, deren Arbeit nicht mit Trends altert, sondern weiterlebt – am Körper, in Bewegung und in der Realität.

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