1986 packten sechs junge belgische Designer ihre eigenwilligen, rebellischen Kollektionen in einen gemieteten Transporter und fuhren nach London. Ihre Namen waren Dries Van Noten, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs, Dirk Van Saene und Marina Yee.
Zur damaligen Zeit war belgische Mode auf der weltweiten Bühne praktisch unbekannt. Selbst im eigenen Land wurden sie unterschätzt. Geld hatten sie keines, aber etwas viel Mächtigeres: den Mut, anders zu denken. Ihr Debüt auf der London Fashion Week verwandelte sie in The Antwerp Six – einen inoffiziellen Verbund, der die Mode für immer veränderte.
Eine Rebellion gegen den Glanz
Die Mode der 1980er Jahre wurde von Glamour, Struktur und konventioneller Weiblichkeit dominiert. The Antwerp Six brachten eine neue Ästhetik:
- dunkle Töne, verschwommene Silhouetten, Androgynie
- Philosophie im Schnitt, Poesie im Zuschnitt
- Dekonstruktion statt Dekoration
Ihr Ziel war nicht, Mode bequem zu machen – sie machten sie ehrlich.
Kleidung war nicht mehr nur ein Produkt. Sie wurde zu einem Statement.
London Fashion Week 1986: Die Geburt eines Mythos
Ihren Trip nach London sahen sie nicht als einfache Modenschau – es war ein Akt des Widerstands. Sie kamen nicht als Einzelpersonen, sondern als Welle. Eine Herausforderung:
„Wir kommen aus einem Land, das für Mode unbekannt ist. Aber wir haben etwas zu sagen.“
Die britische Presse, fasziniert von ihrer post-punkigen, intellektuellen Ästhetik, gab ihnen einen Namen – The Antwerp Six. Die Mode würde von diesem Moment an nie wieder allein Paris oder Mailand gehören.
Ihr weiterreichender Einfluss auf die Mode
The Antwerp Six:
- haben Mode zu einer intellektuellen Beschäftigung gemacht
- zeigten, dass es okay ist, seltsam, unvollkommen, ja sogar still zu sein
- hatten Erfolg mit nicht-kommerzieller, konzeptioneller Mode
- hoben die Designausbildung auf ein neues Niveau – die Königliche Akademie der Schönen Künste Antwerpen wurde zu einem globalen Innovationszentrum
Ihr Erbe legte den Grundstein für eine neue Generation:
Raf Simons, Demna Gvasalia, Rick Owens, Craig Green, Marine Serre – sie alle gehen die Wege weiter, die The Antwerp Six geebnet haben.
Wie ihr Einfluss heute weiterlebt
- Modenschauen als Kunstperformances, Kollektionen als Installationen – heute gang und gäbe
- Upcycling und ethisches Design – von Marina Yee vorangetrieben – sind zentrale Diskussionsthemen der Nachhaltigkeit
- Dunkler Romantizismus und poetischer Minimalismus von Ann Demeulemeester spiegeln sich wider bei The Row, Lemaire, Jil Sander
- Ironie und Anti-Glamour von Walter Van Beirendonck sind spürbar in Demnas Balenciaga
- Designer als individuelle Autoren – heute Standard für viele aufstrebende Marken
Nach ihnen war Mode nie wieder nur Kleidung
Vor ihnen war Mode: Form → Körper → Schönheit
Nach ihnen: Idee → Körper → Geschichte
Sie schufen nicht nur Kleidungsstücke – sie machten Kontexte.
Sie zeigten nicht nur Mode – sie schrieben ihre Syntax neu.
Sie erlaubten Mode still, komplex, intellektuell und melancholisch zu sein.
Heute leben wir in einer Welt, in der eine Marke schweigen kann.
Eine Kollektion kann nicht-linear sein.
Ein Designer kann Philosoph sein.
In diesem Raum – still und kraftvoll – lebt der Geist von The Antwerp Six.