Dilara Findikoglu
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Dilara Findikoglu: Käfig der Unschuld

London. September 2025.

Im Dunkel eines Londoner Veranstaltungsortes entfaltet sich eine Show, die eher einem Ritual als einer Modenschau gleicht. Dilara Findikoglu präsentiert ihre Frühjahr/Sommer 2026 Kollektion – Cage of Innocence. Datum: 21. September. Ort: im Rahmen der London Fashion Week. Sound von @severinblack, Kunst von @_biuro, und eine Stille im Raum, so schwer, dass sie greifbar scheint.

Niemand wagt, dies einen Laufsteg zu nennen. Es ist eine Prozession von Schatten in Schwarz und Weiß, langsam bewegte Körper, gehüllt in Konstruktionen, die eher einem Ritual als zum Tragen geschaffen scheinen.

Der Käfig als Metapher

Der Titel „Cage of Innocence“ klingt wie ein Oxymoron: Unschuld ist nicht frei, sie ist eingeschlossen. In Findikoglus Welt ist sie keine Aura, sondern ein Rahmen, der einschränkt. Was leicht und rein sein sollte, wird zur Architektur der Kontrolle.

Der Käfig hat zwei Seiten:

  Er diszipliniert den Körper – formt die Silhouette, begrenzt den Schritt, definiert die Haltung.

  Er bewahrt und schützt – aber auf Kosten der Freiheit.

  Er inszeniert Unschuld – doch Unschuld wird zur Bühnenrequisite, nicht zum Seinszustand.

Dies ist eine Erzählung über die soziale Konstruktion von Weiblichkeit. Darum, wie die Forderung „rein zu sein“ zu einem Machtmechanismus wird. Darum, wie Reinheit selbst zum Gefängnis statt zum Segen werden kann.

Weiße Schatten und schwarze Spuren

Die Figuren auf dem Laufsteg sind zugleich zerbrechlich und gepanzert.

 • Eingesperrte Silhouetten: durchsichtige Stoffe über metallischen Rippen gespannt, Bustiers wie skulpturale Fesseln. Der Körper wird zum Museumsobjekt.

 • Leder und Spitze: das Harte und das Zarte vereint, die Erinnerung daran, dass Unschuld immer an Fetischismus grenzt.

 • Masken und Helme: Gesichter verborgen, Weiblichkeit anonymisiert. Unschuld wird in den Verborgenen gezwungen.

 • Flecken und Spuren: weiße Stoffe tragen nicht auszulöschende Zeichen – die Erinnerung an Berührung, Trauma, Erfahrung, die die „perfekte Reinheit“ für immer befleckt.

Findikoglu baut Kontraste, die keinen Komfort zulassen. Im Weiß gibt es immer einen Schatten, im Schwarz eine Verlockung.

Das Theater der Weiblichkeit

Dies ist kein Laufsteg, sondern eine Performance. Jedes Model bewegt sich wie ein Teil eines Rituals: langsam, bewusst, mit angehaltenem Atem. Es geht nicht ums Gehen – es geht um die Pose als Widerstand.

Verschiedene Archetypen koexistieren. Ein Mädchen in Rüschen und eine Frau in Latex. Eine Braut in Weiß und eine Kriegerin in Schwarz. Licht und Schatten.

Sie ersetzen einander nicht – sie treten als zwei Seiten derselben Einheit hervor. Weiblichkeit ist hier nie monolithisch. Sie ist immer zerrissen, immer im Dialog mit dem Käfig, den sie bewohnt.

Klang und Raum

@severinblack erschafft eine Klanglandschaft, die industriell und dicht ist, wie das Echo von metallischen Türen, die zuschlagen. Sie verschönert nicht – sie verengt den Raum und verstärkt die Schwere des Käfigs. Die Kunst von @_biuro rahmt die Show ein, als würde sie in einem visuellen Altar stattfinden.

Keine Illusion von Weichheit. Alles baut auf Leere, Licht und Klang auf. Minimalismus, der die skelettartige Struktur der Kollektion selbst verstärkt.

Warum Cage of Innocence verstört

Dies sind keine Kleidungsstücke zum „Tragen“. Es ist ein Bild, das angestarrt werden will, vielleicht auch Angst einflößt. Es zeigt Unschuld nicht als Seelenzustand, sondern als soziale Konstruktion.

Dilara zeigt, dass Weiß erschreckender sein kann als Schwarz, dass Reinheit immer die Spur von Gewalt trägt und dass Weiblichkeit heute keine Freiheit ist, sondern ein Leben im permanenten Käfig.

Nachwort

In London war das keine weitere Modenschau, sondern ein Ritual der Zurückhaltung. Dilara Findikoglu inszenierte eine Geschichte, in der Unschuld kein Geschenk, sondern ein Käfig ist; kein Schmuck, sondern eine Rüstung; keine Gegebenheit, sondern eine Disziplin.

In ihrem Cage of Innocence wird der Körper nicht nur geschmückt – er wird eingesperrt. Und in dieser Gefangenschaft liegt seine Kraft.

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