Diese Saison sprach Paris die Sprache des Erbes. Ohne Spielereien, ohne den Versuch zu schockieren – einfach ein sicheres und reifes Verständnis dafür, wie man seine eigene DNA weiterentwickelt und dabei dem Geist der Gegenwart treu bleibt.
Saint Laurent
Diesmal zeigte Saint Laurent, wie eine Marke erkennbar und zugleich lebendig bleiben kann. Zwischen Hortensien, die den Laufsteg füllten, fühlten sich die Kleidungsstücke wie eine Fortsetzung der Atmosphäre an – leicht bohèmisch, ein wenig nostalgisch, aber mit klarer moderner Linie. Breite Schultern, Schleifen, Schmuck – nicht als archivarische Zitate, sondern als natürliche Weiterentwicklung der Schönheit, die Vaccarello seit mehreren Saisons gestaltet. Es war kein Durchbruch, sondern eher ein selbstbewusstes Statement: Saint Laurent weiß, wer es ist und hat keine Angst, einfach schön zu sein.
Dries Van Noten
In dieser Saison hat Dries Van Noten erneut das getan, was er am besten kann – Farbe zum Singen gebracht. Julian Claussner stellte eine Palette zusammen, bei der Gelb nicht nur ein Akzent, sondern eine Stimmung war. Polka Dots, Blumenmuster, psychedelische Motive – alles verschmolz, ohne je chaotisch zu wirken. Eine Kollektion, die Raffinesse und Mut, Ornament und Raum ausbalancierte. In Stickereien, Prints und Schnitt spürte man die Hand eines Meisters, der weiß, wie man Komplexität harmonisch gestaltet.
Dior
Jonathan Anderson debütierte bei Dior laut, aber zurückhaltend. Er versuchte nicht mit Form zu überraschen – vielmehr verwebte er Geschichte, Ästhetik und seine eigene Handschrift. Die Kollektion zeigte klare archivale Referenzen, gleichzeitig den viralen Einfluss, den Anderson ganz natürlich mitbringt. Alles wirkte stimmig – elegant, selbstbewusst, präzise. Die Accessoires hoben sich als eigene Kraft hervor: Taschen, Schmuck, Schuhe – liebevoll durchdacht, kommerziell und doch ästhetisch makellos. Es war das Dior, das nicht der Masse schmeichelt, aber dennoch unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Tom Ford
Haider Ackermann lieferte genau das Tom Ford-Debüt, das sich alle vorgestellt hatten. Die Kollektion vermittelte sein Verständnis von Körper, Linie und Sinnlichkeit – ohne Üppigkeit, aber mit kraftvoller Energie. Schimmernde Stoffe, Anklänge an die 90er, subtile Verweise auf Fords Archiv – alles zu einer scharfen, souveränen Komposition verarbeitet. Ackermann fühlt sich in diesem Haus natürlich an: nicht imitierend, sondern fortführend, mit eigenem Feingefühl und Kontrolle. Die Passform war tadellos, jede Geste wohlüberlegt – ein seltener Fall, bei dem Erwartungen auf Wirklichkeit treffen.
Maison Margiela
Glenn Martens’ Debüt für Maison Margiela Ready-to-Wear war eine Liebeserklärung an die Geschichte des Hauses. Anstatt die Archive neu zu interpretieren, holte er Entwürfe ans Licht, die einst kreiert, aber nie gezeigt wurden. Nun liefen Schuhe, eine kastenförmige Tasche und kniehohe Stiefel über den Laufsteg – Stücke, die bisher nur als Skizzen oder Prototypen existierten. Die Kollektion trug die Haus-Codes: Klebeband-Imitate, klare Linien, gezielte Unvollkommenheit. Die eindrucksvollste Geste – Metallklammern in den Mündern der Models – spiegelte direkt die vier Nähte des stillen Logos wider. Dieses Mal sprach dieses Schweigen – in der Sprache des Erbes.
Loewe
Jack McCollough und Lazaro Hernandez’ Debüt bei Loewe war gleichermaßen erkennbar und lebendig. Sie bewahrten den Geist des Hauses, während sie spielerisch mit Formen und Silhouetten experimentierten und Stücke mit mühelosem viralen Potenzial schufen. Das Schuhwerk, zerknitterte Texturen und sanfte Dekonstruktionen setzten Akzente – alles im Gleichgewicht, niemals übertrieben. Das Ergebnis war eine helle, moderne und visuell köstliche Kollektion – gemacht zum Tragen und Bewundern.
Comme des Garçons
Comme des Garçons ließ keinen Zweifel an ihrem Ansatz: Die Kollektion war kompromisslos avantgardistisch, mit Formen, die staunen und inspirieren. Jeder Look schien für ein Museum geschaffen – so bewusst und präzise umgesetzt. Nähte, Silhouetten, Details – alles meisterhaft, mit einem Hauch von Theater und Kunst, der exklusiv und doch universell berührend ist. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen Nischenkunst zur Kraft wird und eine Show zu einem echten Kunst-Erlebnis macht.
Ann Demeulemeester
Stefano Gallici bei Ann Demeulemeester kehrte zu seiner signifikanten Formel zurück – Grunge und Romantik – diesmal mit Farbakzenten. Militärjacken waren wieder Schlüsselstücke, bereit, zum Trend zu werden. Die Kollektion wirkte melancholisch und zugleich lebendig in den Details, direkt dem inneren Kosmos des Designers entsprungen. Die Umsetzung war makellos – Stoffe, Silhouetten und Texturen harmonierten und erschufen eine Stimmung, die Resonanztöne bietet und zur Interpretation einlädt.
Balenciaga
Pierpaolo Picciolis Debüt bei Balenciaga war bedacht und authentisch. Er schrieb die Codes seiner Vorgänger – von Balenciaga über Nicolas Ghesquière bis Demna Gvasalia – nicht neu, sondern verschmolz sie zu einer organischen Kollektion. Es wirkte stimmig: offensichtliche Referenzen, aber keine Überladung, und Teile, die wirklich tragbar sind. Piccioli bewies, dass es möglich ist, ein starkes Statement zum Erbe abzugeben und gleichzeitig relevant und alltagspraktisch zu bleiben – ein Balenciaga für das echte Leben.
Chanel
Matthieu Blazys Debüt bei Chanel fühlte sich an wie ein echter Neustart für das Haus. Das Bühnenbild war perfekt inszeniert – es schuf die Stimmung, ohne von den Kleidern abzulenken, und verstärkte dabei deren Essenz. Endlich kann die Chanel-Frau den grau gewordenen Tweeds ade sagen und etwas Frisches, Elegantes und unverkennbar Pariserisches tragen. Es war eines der stärksten Debüts der Saison: eine Erneuerung, die das Erbe des Hauses ehrt und gleichzeitig lebendig modern macht.
Diese Paris Fashion Week bewies, dass große Modemarken selbstbewusst mit ihrem Erbe arbeiten und es zugleich in die heutige Welt übersetzen. Die Kollektionen wirkten ausgewogen, elegant und erfrischend, mit großer Liebe zum Detail und zur Silhouette. Die Saison hinterlässt ein Gefühl von Harmonie zwischen Tradition und Moderne und zeigt, dass ein Modehaus sich entwickeln und dabei sich selbst treu bleiben kann.