Mugler hat seine neue Aurora-Bag mit einer Kampagne vorgestellt, in der die französische Bodybuilderin Tatiana Hrle die Hauptrolle spielt. Auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen posiert sie nackt und hält das Accessoire in den Händen. Im Bild ist fast nichts anderes zu sehen: der Körper, das Licht und die längliche Form der Tasche. Die Inszenierung fügt sich ganz selbstverständlich in die visuelle Sprache des Hauses ein, in der weibliche Stärke, Sinnlichkeit und skulpturale Formen schon immer wichtiger waren als klassische Niedlichkeit.
Nach dem Launch der Kampagne warfen viele Mugler und dem neuen Kreativdirektor Miguel Castro Freitas sofort vor, Alaïas Kulttasche Le Teckel zu kopieren. Die Ähnlichkeit ist offensichtlich: ein langer, schmaler Korpus, abgerundete Kanten und verlängerte Henkel. Für manche reichte das aus, um zu dem Schluss zu kommen, Mugler habe einfach eines der bekanntesten Accessoires der letzten Jahre wiederholt.
Tatsächlich ist Aurora eine Neuauflage eines Archivdesigns, das Thierry Mugler bereits 2002 entworfen hatte. Damals wurde die Tasche von Helmut Newton fotografiert, mit einem Model, das ein nahezu identisches Accessoire vor einer kargen Industriekulisse hielt. Formal kopiert Mugler also niemanden. Das Haus belebt vielmehr sein eigenes Design wieder, das rund zwei Jahrzehnte vor dem Erscheinen von Le Teckel entstanden ist.
Dennoch könnte Mugler daran etwas zu spät zurückgekehrt sein. In den vergangenen vier Jahren hat sich Le Teckel zu einer der einflussreichsten Taschen der zeitgenössischen Mode entwickelt. Sie hat den Trend zu langgestreckten, dachshundähnlichen Formen mit geprägt, woraufhin ähnliche Silhouetten sowohl bei Luxusmarken als auch im Massenmarkt auftauchten.
Dadurch wird eine Form, die einst in den Archiven von Mugler existierte, heute fast automatisch mit Alaïa verbunden. Genau darin liegt die größte Ironie von Aurora: Mugler hat historisch selbstverständlich jedes Recht an diesem Design, bringt es aber in einem Moment zurück, in dem das Modepublikum diese Silhouette bereits als Code eines anderen Hauses liest.
Die neue Kampagne scheint darauf ausgelegt zu sein, die Tasche wieder in das Mugler-Universum zurückzuholen. Sie wird nicht über Styling, Lifestyle-Bilder oder ein bekanntes Gesicht inszeniert, sondern über den Körper. Hrles Muskeln spiegeln die strenge Geometrie des Accessoires wider, während die Nacktheit alles ausblendet, was von seiner Form ablenken könnte.
Die eigentliche Frage ist also nicht mehr, wer die längliche Tasche zuerst entworfen hat. Sondern wer es geschafft hat, sich die Silhouette in der öffentlichen Wahrnehmung so vollständig anzueignen, dass selbst das Archiv-Original heute erst beweisen muss, woher es stammt.