In dieser Saison denken Designerinnen und Designer erneut darüber nach, wie Schuhe aussehen können. Nach dem Aufstieg von Mesh-Ballerinas, transparenten Taschen und halbtransparenten Kleidungsstücken hat die Mode nun auch die Schuhe erreicht. Im Mittelpunkt steht nicht mehr nur der Schuh selbst, sondern die Illusion eines bloßen Fußes. Dieser neue Ansatz wird bereits als „naked“-Schuhtrend bezeichnet. Die Idee ist simpel: möglichst wenig sichtbares Material und dafür umso mehr Aufmerksamkeit für die Form des Fußes.
Eine der ersten Marken, die diesen Ansatz ausprobierte, war das New Yorker Label Zellous. Bekannt vor allem für Arbeiten mit Latex, präsentierte die Marke Pumps mit einem sehr tiefen Ausschnitt, der fast den gesamten oberen Teil des Fußes freilegt. Dadurch verschmilzt der Schuh beinahe mit der Haut und erzeugt den Eindruck, als trage die Person kaum etwas.
Body Amplification Devices treibt diese Idee noch weiter. Die transparenten Silikonmodelle wirken eher wie Kunstobjekte als wie klassische Schuhe. Markante Plateaus, ungewöhnliche Absatzformen und ein fast vollständig durchsichtiges Material machen den Fuß zum zentralen Designelement.
Gleichzeitig verlässt der Trend längst die Welt der Konzeptlabels. Jimmy Choo ist mit Jelly-Sandalen auf niedrigem Absatz auf den Zug aufgesprungen. Transparentes Plastik, kräftige Farben und eine Silhouette, die von Schuhen der frühen 2000er-Jahre inspiriert ist, haben das Modell zu einem der meistdiskutierten Releases der Saison gemacht. Die Nachfrage war so groß, dass einige Farben schnell ausverkauft waren.
Es scheint, als sei transparente Schuhmode längst nicht mehr nur ein Thema der Damenmode. Bei der Saint Laurent-Herrenkollektion zeigte das Haus transparente Schnürschuhe, die den Fuß vollständig sichtbar ließen. Noch vor wenigen Saisons hätte solch ein Design eher wie ein Kunstprojekt gewirkt. Heute ist es Teil der Kollektion eines der einflussreichsten Modehäuser. Das zeigt: Der „naked“-Schuhtrend gewinnt weiter an Dynamik.
Hier lassen sich mehrere Modetendenzen klar erkennen. Erstens arbeiten Designerinnen und Designer weiterhin intensiv mit transparenten Materialien. Zweitens erleben Y2K-Ästhetik und PVC-Schuhe ein starkes Comeback. Drittens wird die Grenze zwischen Mode und Objektgestaltung immer unsichtbarer.
Mit der Beliebtheit dieser Modelle stellt sich jedoch auch eine andere Frage: Wie bequem sind sie eigentlich? Schuhe aus Plastik oder Silikon sind oft weniger atmungsaktiv, können sich bei warmem Wetter stärker aufheizen und an der Haut reiben – besonders bei längerem Tragen. Der Tragekomfort hängt stark vom jeweiligen Modell, der Verarbeitung und dem Material ab, eine pauschale Antwort gibt es also nicht. Deshalb sehen viele diese Schuhe eher als auffälliges Statement für besondere Anlässe denn als Alltagsoption.
In diesem Sommer scheint der Fuß selbst zum wichtigsten Accessoire zu werden. Je weniger der Schuh ihn verdeckt, desto besser passt er in die neue Ästhetik. Und während Designerinnen und Designer früher versuchten, Schuhe möglichst auffällig zu machen, erzeugen sie heute immer häufiger die Illusion, der Schuh sei kaum vorhanden.