In den letzten Monaten passiert in der Modefotografie etwas wirklich Spannendes. Nach Jahren steriler Cover, zufälliger Prominenter in beliebigen Kleidern und endloser Clean-Backdrops scheint die Branche sich wieder daran zu erinnern, dass ein Fotoshooting eine ganze Welt erschaffen kann.
Und ganz ehrlich: Für eine richtige Liste gibt es längst genug Material. Von Kim Kardashian in einer skulpturalen Kreation von Allen Jones bis hin zu zwei völlig unterschiedlichen Rihanna-Editorials, die nur wenige Wochen auseinander erschienen sind.
Kim Kardashian, Nadia Lee Cohen und Allen Jones
Beginnen wir mit Kim Kardashian, denn hier kamen gleich mehrere starke Namen zusammen.
Für die Met Gala 2026 trug sie eine skulpturale Kreation des britischen Künstlers Allen Jones in Zusammenarbeit mit Whitaker Malem. Nadia Lee Cohen war für die kreative Leitung und die Fotografie verantwortlich. Im Zentrum stand ein geformtes Body-Piece, das mit Jones’ langjähriger Bildsprache und seinem Interesse an Körper, Fetischästhetik und Pop Art verbunden ist.
Das ist auch ein perfektes Beispiel für den Unterschied zwischen dem bloßen Fotografieren eines Looks und dem Aufbau eines ganzen Bildes darum herum. Das Polaroid-Format, das Make-up, die Pose und die starre Plastizität des Looks greifen ineinander. Das Ergebnis wirkt leicht verstörend, stark künstlich und ganz eindeutig wie aus der Welt von Nadia Lee Cohen.
ELLE und die Frauen aus The Odyssey
Ein weiteres großes Projekt der Saison kam von ELLE für die Sommerausgabe 2026. Vier Schauspielerinnen aus Christopher Nolans The Odyssey erhielten jeweils eigene globale Cover, die auf den vier Elementen basieren. Lupita Nyong’o steht für Feuer, Charlize Theron für Luft, Anne Hathaway für Wasser und Zendaya für Erde. Die Porträts wurden von Norman Jean Roy fotografiert und von Law Roach gestylt.
Bei Lupita ist das Feuerthema fast wörtlich zu verstehen. Ein roter, verzierter Chanel-Look, dichter Rauch, oranges Licht und Bilder, die auf Bewegung aufgebaut sind. Charlize’ Cover ist deutlich kühler: Mugler, weiße Federn, wehende Haare und blasser Dunst.
Die Symbolik ist direkt, aber die Umsetzung ist so stark, dass das kaum ins Gewicht fällt. Am besten funktioniert, dass die Stars nicht einfach nur vor eine Kamera gestellt wurden. Jede Frau bekam ihr eigenes visuelles System.
Madonna für Interview
Madonna scheint absolut keine freie Minute zu haben, denn die Queen of Pop ist schon wieder in einem neuen Interview-Shooting von Nadia Lee Cohen zu sehen. Das Editorial wurde vom Chefredakteur des Magazins, Mel Ottenberg, gestylt.
Auf dem Cover trägt Madonna Gucci. Im restlichen Storytelling erscheint sie in Saint Laurent und Valentino. Das ist vielleicht eine der stärksten jüngeren Interpretationen ihres Images. Statt sie noch einmal als ewige Pop-Diva zu inszenieren, bekommen wir eine schräg gespannte, fast filmische Figur. Red Carpet, Männer im Hintergrund, hartes Licht, eine Zigarette, Kunststoffvorhänge und eine sehr besondere Form weiblicher Aggression.
Nadia Lee Cohen gehört weiterhin zu den wenigen Fotograf:innen, die es schaffen, dass Prominente für einen Moment nicht wie ihre eigene öffentliche Persona wirken. Madonna passt perfekt in dieses Universum.
Sarah Jessica Parker und die Fendi Baguette
Sarah Jessica Parker erneut für eine Fendi-Baguette-Kampagne zu besetzen, war fast schon unmöglich falsch zu machen. Ihre Verbindung zur Tasche geht dank Sex and the City und Carrie Bradshaw längst weit über klassische Werbung hinaus.
Für die Kampagne 2026 war Parker an der Seite einer größeren Riege von Talenten zu sehen, darunter Bang Chan, Emma D’Arcy, Jessica Alba, Sophie Thatcher und Iris Law. Fotografiert wurde die Kampagne von Bibi Borthwick.
Die Bilder selbst sind recht sicher angelegt: weißer Hintergrund, Prominente, Tasche. Aber in diesem Fall macht das Casting fast die ganze Arbeit. Die Popkultur hat Sarah Jessica Parker und die Baguette so stark miteinander verknüpft, dass Fendi die beiden einfach wieder gemeinsam ins Bild setzen kann.
Rihanna für 72
Rihanna wurde zum Coverstar der Sommerausgabe von 72, Edward Enninfuls Medienprojekt unter EE72. Fotografiert wurde sie vom ungarischen Fotografen Szilveszter Makó, das Styling übernahm Enninful selbst. Auf dem Cover trägt Rihanna Dior Haute Couture.
Das ist eines dieser Shootings, bei denen jedes einzelne Bild genau betrachtet werden sollte. Riesiges Haar, Federn, komplexe Volumen, dunkle, malerische Hintergründe und Looks, die zwischen alter aristokratischer Porträtmalerei und purer Fashion-Surrealität changieren.
Die Story zeigt außerdem Alaïa, Givenchy, Schiaparelli Haute Couture und weitere große Häuser.
Für Rihannas erstes großes Cover innerhalb der Welt von 72 ergibt die Wahl absolut Sinn. Enninful und Rihanna arbeiten seit Jahren zusammen, und hier wird ihre gemeinsame Liebe zu großem Modebild bis an die Grenze ausgereizt.
Rihanna und Baby Rocki für W
Fast zur gleichen Zeit erschien noch eine andere Rihanna.
Für W Magazine wurde sie von Tim Walker fotografiert. Auch ihre Tochter Rocki ist auf dem Cover zu sehen und absolviert damit ihren ersten öffentlichen Magazinauftritt. Auf dem Cover trägt das Baby maßgeschneiderte Dior Haute Couture.
Rihanna selbst bewegt sich durch eine ganze Garderobe großer Modehäuser. Das Editorial umfasst Dior, Chanel, Vivienne Westwood, Balenciaga, Alaïa, Yohji Yamamoto und andere.
Und Tim Walker macht genau das, was er am besten kann. Mutterschaft wird hier nie zu einem beige-farbenen Familienportrait. Stattdessen bekommen wir Verzerrungen in der Perspektive, theatralische Interiors, überzeichnete Silhouetten, Fischaugen-Effekte und eine seltsame, märchenhafte Verlegenheit. Rihanna bleibt Rihanna, selbst mit Baby auf dem Arm.
Besonders witzig ist, wie unterschiedlich ihre beiden großen aktuellen Stories sind. In 72 wirkt sie fast monumental. In W wird sie zu einer Figur innerhalb eines bizarren barocken Traums.
Olivia Rodrigo für Dazed
Und noch ein Shooting, das viel besser funktioniert, als man auf den ersten Blick erwarten würde.
Olivia Rodrigo ist der Star der Summer Action Issue von Dazed. Fotografiert wurde sie von Ryan McGinley, das Styling übernahm Doğukan Nesanır. In einem der zentralen Bilder trägt Olivia ein Kleid von Saint Laurent by Anthony Vaccarello mit Jacquard- und Kunstfell-Details.
Auf dem Papier klingt das Setup fast zu schlicht: blauer Hintergrund, rotes Kleid, trockenes Gras, eine beinahe werbliche Direktheit. Und doch funktioniert das Bild.
Vielleicht liegt es an der ungewöhnlich großen Leere im Bild. Vielleicht auch am Kontrast zwischen Saint Laurent-Glamour und einer Umgebung, die fast ländlich wirkt. So oder so ist es eine weitere Erinnerung daran, dass ein starkes Cover nicht immer ein Millionenset braucht.